Reiseeindrücke

Für das altehrwürdige Pantheon war es nur ein weiteres Mosaiksteinchen in seiner 2000- jährigen Geschichte, für uns Chor, Orchester und Solisten der Musikschule Emertsham - jedoch war es ein seltenes Ereignis. Wir hatten das Glück, das feierliche Hochamt zum Abschluß der Osterwoche im Pantheon am Freitag nach Ostersonntag musikalisch umrahmen zu dürfen, an einem Ort, dessen lange Geschichte die Entwicklung der abendländischen KuItur entscheidend mitgeprägt hat: Rom.

Wenige Tage zuvor, am Ostersonntag-Abend, war unsere musikalische Reisegruppe mit dem Zug von Rosenheim aufgebrochen und erreichte nach 11-stündiger Nachtfahrt im milden Licht einer freundlichen Frühlingssonne die "erstaunlichste Stadt des Universums". Das erste Kennenlernen war nur ein flüchtiger Flirt in Form eines Cappucino-Frühsticks, und einer kurzen Stadtrundfahrt zum Gianicolo, dem Aussichtshügel am Rande der Innenstadt. Wohlig streckten sich die ca. 100 Konzertreisenden - Musiker, Sänger und Schlachtenbummler - in der von Duft und Licht blühender Bäume erfüllten Luft, die Kälte des viel zu langen Winters nördlich der Alpen schmolz aus unseren Gliedern. Dermaßen erwärmt, bezogen wir frühnachmittags auf dem "Felsen des Papstes" - Rocca di Papa - inmitten der Albaner Berge unser luftiges Quartier mit Blick auf den Vulkankegel des Allbaner Sees und die Sommerfrische des Papstes in Castell Gandolfo. Die parkähnliche Hügellandschaft zu unseren Füßen verlor sich am Horizont in der weiten Ebene der Umgebung Roms, ein idealer Platz für die Generalprobe vor unseren Auftritten in St. Ignazio und im Pantheon. Damit fand eine halbjährige intensive Vorbereitungszeit mit einer Messe von Rathgeber, dem "Haec Dies" von Ett, dem "Gloria" von Vivaldi, dem "Locus lste" von Bruckner und deim "Halleluja" aus dem Messias von Händel ihren Abschluß.

Am zweiten Tag waren wir Touristen. Handstreichartig eroberten wir die Bucht von Neapel und die Insel Capri. Bei einem eintägigen Ausflug, um dort festzustellen, daß die Insel wirklich schön, doch bereits fest in "teutscher" Hand war. Die berühmte blaue Grotte war besetzt, doch stand ersatzweise eine weiße bereit. Nachmittags verlor sich unsre Häuflein in einer wogenden Touristenmasse, doch nie verloren wir als phantasiebegabte Kulturmenschen den Blick für die durch den Frühling noch gesteigerten Schönheiten Italiens: malerische Winkel, echter Cappucino, lebenslustige Menschen, üppige Speißen, süftiger Wein, das weite Meer, duftende Frauen, feurige Männer - je nachdem.

Der dritte und vierte Tag unserer Reise sah uns nun endlich in Rom selbst, kleinere bewegliche Trtipps machten sich auf den Weg, die verschiedensten Aspekte der Stadt zu erkunden: die bildende Kunst in den Vatikaniscben Museen, das "kirchliche" Leben bei der Papstaudienz auf dem weiten berninischen Säulenoval des Platzes vor dem Petersdom und das "weltliche" Leben auf den Straßen und Plätzen der Innenstadt. So tauchten wir mittwochs und donnerstags ein in diese unbegreiflich vielfältige und kontrastreiche Stadt. Der Mittwoch-Abend stand ganz im Zeichen unseres ersten Konzertes in der Pfarrei St. Ignazio vor den Toren der Stadt, einer Gemeinschaft, die sich unter der Führung ihres langjährigen Pfarrers Don Giuseppe der Betreuung behinderter Menschen verschrieben hat. Beim anschließenden Stehempfang wurden trotz Sprachbarrieren mimik- und gestikreiche Gespräche geführt. Am Donnerstag-Abend setzten wir über ans andere Tiber-Ufer nach Trastevere, um uns kulinarischen Genüssen hinzugeben. Eine Pizzeria bewältigte unseren geballten Ansturm mit feinen Spezialitäten der italienischen Küche, der kredenzte Wein der römischen Campagna rundete unser körperliches und geistiges Wohlbefinden, ersichtlich am seligen Grinsen geröteter Gesichter, ab.

Das Pantheon in Rom
Der Freitag schließlich ließ unsere Spannungskurve nochmals steigen, stand doch der Höhepunkt der Reise und der Zielpunkt einer langen Probentätigkeit kurz bevor. Das Pantheon, vom heidnischen Tempel zum christlichen Gotteshaus füllte sich mit Gottesdienstbesuchern, während sich die Akteure im rückwärtigen Teil des Kuppelbaus auf das kommende Ereignis einstimmten - im wahrsten Sinn des Wortes. Das Hochamt wurde von einem Bischof feierlich zelebriert, meisterlich von einer Schola vorgetragene gregorianische Clioräle erklangen und auch Chor und Orchester der Musikschule wurden von der überwältigenden Atmosphäre und Akustik des Raumes zu einer bemerkenswerten musikalischen Leistung getragen. Für uns wird das Erlebnis zeitlebes unvergeßlich bleiben. Schwer fiel uns der Abschied von Rom an diesem Abend, die Stadt hatte sich in den vergangenen Tagen von ihrer besten Seite gezeigt.

Früh am Morgen des nächsten Tages traten wir die Rückreise an, Samstag abends bereitete uns der nördliche Chiemgau einen kühlen Empfang - witterungsbedingt.

Zum Schluß und damit an der wichtigsten Stelle des Berichts ein Wort zu unserem musikalischen Leiter und Organisator der Reise. Über ein halbes Jahr traf er viele kleine und große Vorbereitungen, in Rom war er das Auge im Zentrum des Sturms. Er war Chorleiter, Reiseführer, Ratgeber, ... alles gleichzeitig, fast rund um die Uhr und immer bei guter laune. Seine Geduld kannte keine Grenzen. Am Schluß war seine Stimme am Ende. Darum: Ein Riesen-Aplaus für unseren Andy *. Danke für diese schönen Tage in Rom.

* Anm. d. Red.: Andreas Mayr, Leiter der Musikschule Emertsham-Tacherting

Redaktion: Thomas "Sternchen" Rieger, Günter "Gü" Polacek
Garching/Alz, Emertsham, Rom im Frühling 1996

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© copyright by Gregor Wolf Bearbeitet am 23.04.1996