Der Alltag eines Musiklehrers

"Warum steht ein Musiklehrer um 1/2 sechs auf?" - "weil um sechs Uhr die Geschäfte schließen!"
Das wäre toll, hab ichmir gedacht, als ich diesen Witz das erste Mal gehört habe. Und dabei sind mir alle Klischees über Musiker eingefallen. Lange schlafen; ein bißchen üben; niemals vor 22.00 Uhr zumWirt oder auf eine Party gehen; flirten irgendwann im Morgengrauen; laute Musik hören und dann wieder lange schlafen!
Dieser Alltag aber sieht ganz anders aus.
Unterrichtsbeginn meist um 13.00 Uhr, Unterrichtsende selten vor 20.00 Uhr, anschließend Proben für Schülervorspiele oder mit der eigenen Musikgruppe, nach Hause fahren und - gute Nacht!
"Ja dann hast Du ja den ganzen Vormittag frei!" - Stimmt! Vormittags habe ich keinen Unterricht. Aber ein Vormittag eines Musiklehrers sieht so aus.
Nach dem Frühstück ca. 2 - 3 Stunden üben. Man muß ja die Stücke, die man den Schülern vermittelt selbst auch kennen und können. Also: Instrument stimmen, Noten aufschlagen und üben und üben! - Telefon läutet: "Meine Tochter kannheute nicht zum Unterricht kommen, denn sie ist krank!", ruft eine besorgniseregte Mutter an. "Gute Besserung!"
Weiter üben. Nach einer ungestörteWeile des Übens fällt mir ein, ich muß ja noch in München anrufen, telefonieren, verhandeln, denn es geht um einen Auftritt; der Veranstalter will weniger zahlen als ausgemacht war. Nach 10 Minuten telefonieren Blick auf die Uhr - was so spät ist es schon.
Schnell noch Noten für den Spielkreis aussuchen, durchspielen, einige Stimmen bzw.Stellen, die zuschwer sind umschreiben und zum Fotokopieren herrichten.
11.15 Uhr drei Stunden geübt und Noten und Unterricht vorbereitet. - Mittagessen - Fertigmachen und zur Musikschule fahren -
13.00 Uhr Unterrichtsbeginn. Der erste Schüler kommt. Vor dem Ausspacken des Instruments kommt gleich eine Entschuldigung: "Ich habe für heute nicht geübt!" - "Warum?" - "Wir haben soviel für die Schule lernen müssen, wegen der Schulaufgaben!" - "Gut, üben wir es halt jetzt."
13.45 Uhr. Tina kommt. Tina ist eine gute Schülerin, immer gut vorbereitet, gute Auffassungsgabe. Aber heute ist Tina schlecht drauf. Sie beichtet, in der "Mathe-Schux" einen Fünfer geschrieben. Papa und Mama wissen es noch nicht, wie bringe ich es denen bei? Sie will sich erst ein bißchen beruhigen. Also trösten und beruhigen, dann geht es wieder, der Unterricht kann beginnen.
14.15 Uhr Peter kommt. Peter ist immer faul. Es wird wieder eine harte Stunde werden. Peter spielt fast fehlerfrei. Großes Lob. Peter wird ein bißchen rot im Gesicht und sagt: "Dieses Stück hat mir halt sehr gut gefallen!"
14.45 Uhr. Erika und Sabine stehen vor der Tür - und - Erikas Mutter. Sie meint: "Wird das noch was mit der Erika?; sie übt ja nie!" - "Also", antworte ich langsam, denn ich muß mich erst geistig umstellen. "Also, ich bin mit Erika zufrieden". - Es folgt ein Grespräch über das Üben. Mutter zweifelt trotzdem. Sie möchte in der Unterrichtsstunde dabei sein. Erika und Sabine spielen ein Duett recht gut wie immer. Die Mutter ist zufrieden.
15.30 - 17.00 Uhr keine beodneren Vorkommnisse, normaler Unterricht, er läuft gut ab Dann kurze Pause.
17.10 Uhr. Die nächste Schülerin steht vor der Tür. Vorwurfsvoller Blick der Schülerin auf die Uhr. Ich antworte sofort: "Ich habe noch Pause, aber Du kannst schon mal stimmen!" Schnell noch den letzten Schluk Kaffee austrinken und weitergehts.
17.15 Uhr. Kitti ist zwanzig und sehr schwierig, mal launisch, mal freundlich, mal unfreundlich, ständig mit allem unzufrieden. Heute beklagt sie sich, daß sie keine Fortschritte macht und überhaupt die Gebühren sind zu hoch ... Ich bleibe freundlich und ruhig, aber es ist schon eine Geduldsprobe. "Die Gebührenfrage", erkläre ich ihr zum x-ten Male, "mußt Du im Büro abklären!" Und weiter sage ich ihr: "Fortschritte macht man nur durch üben, üben und nochmals üben!" Etwas kleinlaut beginnt sie mit ihrem Spiel.
Alex ist der nächste Schüler. Er ist schon sehr fortgeschritten. Wir spielen ein Duett. Es macht Spaß und die Stunde ist schnell vorüber.
Die letzte Schülerin ist Gitti. Erwachsen, zwei Kinder. Hat angeblich nie Zeit zum Üben, dafür spielt sie aber sehr gut. Auch diese Stunde geht schnell vorüber, dank Gittis anstekcender Fröhlichkeit.
Zehn Minuten Pause. 19.00 Uhr. Spielkreis. Heute sind mal alle da. Das erste Stück ist ein leichtes Werk von Telemann, damit wir uns alle einspielen können. Es geht aber noch nicht so gut, deshalb n ochmals spielen. Beim zweiten Durchlauf hat es schon besser geklappt. Jetzt sind alle auch mit der Konzentration gut dabei.
Nun das neue Stück. Jede Gruppe spielt ihre Stimme zunächst mal alleine. Dann alle zusammen. Da hie und da ein Vorzeichen übersehen sird, klingt alles noch ein bißchen schräg. Aber bald "sitzt" das Stück und wir arbeiten "musikalisch" - piano - forte wird in die Noten hineingeschrieben. "Und bitte mit Schwung!" Toll! Es läuft! Erstaunlich, schon ist eine Stunde Spielkreis vorbei. Alle gehen fröhlich und aufgekratzt nach Hause. Wir haben gemeinsam tolle Musik gemacht.
20.10 Uhr. Kurze Pause. Schnell ein Tässchen Kaffee. Und dann wieder Probe. Meine Geduld ist schon etwas angeschlagen, aber ich schlucke es runter. Und dann klappt auch hier das Programm.
22.45 Uhr. Zu Hause angekommen. EinRest der Tagesthemen und das Wetter wird gerade noch erwischt, und ab ins Bett. "Um 1/2 sechs aufstehen, weil ums sechs die Läden schließen" denke ich vorm Einschlafen. Nein, das wäre so schön gar nicht, denn ich habe heute wieder viel erlebt.

Christoph R.

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© copyright by Gregor Wolf Bearbeitet am 20.04.1996